Arbeitskreis Geschichte des Kartonmodellbaus (AGK) e.V.
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AGK gibt nachgelassenen Modellbaubogen von Hubert Siegmund heraus

Titelbild Der Arbeitskreis Geschichte des Kartonmodellbaus (AGK) e.V. hat den unpublizierten Modellbaubogen "Villa Blumenthal" herausgegeben. In der Regel konstruierte Hubert Siegmund (1916-1989) seine Modelle auf Grund eines konkreten Auftrags des J. F. Schreiber Verlags. Es kam aber manchmal vor, dass er von sich aus ein Modell konstruierte um dann das fertig gebaute Modell Gerhard Schreiber zu zeigen mit der Empfehlung es zu produzieren. Die meisten dieser Vorschläge wurden realisiert, aber eben nicht alle. Warum gerade die "Villa Blumenthal" in den Schubladen liegen geblieben ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Aus heutiger Sicht hätte dieses skurrile Haus damals durchaus Marktchancen gehabt.

Das Vorbild
Die historistische "Villa Blumenthal" steht in Laufen bei Bad Ischl im österreichischen Salzkammergut. Erbaut wurde sie im Auftrag von Oscar Blumenthal, den das hölzerne Fertighaus auf der Weltausstellung 1893 in Chicago fasziniert hatte. In Amerika herrschte damals eine große Begeisterung für die Alpen und das alpenländische Bauen. Neben dem traditionellen Import von Chalets aus der Schweiz begannen geschäftstüchtige Amerikaner Holzhäuser im Chalet-Stil selbst zu produzieren. Vorbilder fanden sich in einer Vielzahl von englischsprachigen Büchern zum Thema "Swiss Cottage" [Schweizerhaus]. Um dem Geschmack der einheimischen Käuferschaft entgegen zu kommen verwendeten sie zusätzlich Stilelemente der Western-Forts und indianische Schmuckelemente für die Fenstereinfassungen. Vermutlich hatte dem Berliner Blumenthal gerade die Veramerikanisierung der schweizerischen Bergchalets besonders begeistert. Kurz entschlossen kaufte er das Gebäude. Nach Ende der Ausstellung wurde das Haus demontiert und per Schiff und Bahn an seinen Bestimmungsort gebracht. Dort war bereits die Baugrube ausgehoben und der Keller erstellt worden. Der Aufbau des Blockhauses geschah unter Leitung eines von Blumenthal angestellten Architekten, der in Amerika den Abbau beaufsichtigte und den Transport begleitet hatte. Das Tempo mit dem die Handwerker die rot schimmernden Balkenbretter aus dem Holz der Pech-Kiefer (pinus rigida) ineinander gesteckt und verzapft hatten, soll fast atemberaubend gewesen sein.

Der Bauherr
Der am 13. März 1852 geborene Oscar Blumenthal wuchs in Berlin auf. Nach Studium und Promotion in Germanistik wurde er 1875 Theaterkritiker und Redakteur am Berliner Tagblatt und begann Theaterstücke zu schreiben. Der Erfolg seiner Stücke machten ihn zum wohlhabenden Mann, was ihm ermöglichte 1887 das Lessing-Theater am Friedrich-Karl-Ufer zu bauen. Am 11. September 1888 erfolgte die glanzvolle Eröffnung mit Lessings "Nathan der Weise". Bald zeigte sich jedoch, dass attraktive Schauspielerinnen, glanzvolle Ausstattungen in Komödien und Salonstücken die Kasse am besten füllten. 1893 verkaufte Blumenthal die Hälfte des Theatergrundstücks für eine Million Mark. 1895 ließ er sich bei Bad Ischl die bereits erwähnte Holzvilla bauen. Den Sommer verbrachte er dann jeweils mit Spaziergängen ins nahe Dorf Laufen, wo er gerne im Gasthaus "Zum weißen Rössl" einkehrte. Er fühlte sich nicht nur zum Wein, sondern auch zur Wirtstochter Maria Aigner hingezogen. Dieser Frau setzte er ein Denkmal mit dem gemeinsam mit Gustav Kadelburg (1851-1925) verfassten Lustspiel "Im weißen Rössl". Die Premiere fand zu Silvester 1897 statt. In der nachfolgenden Saison erlebte das Stück in Deutschland 1692 Aufführungen. Bereits zu Beginn des Jahres 1897 hatte Blumenthal die Leitung des Lessing-Theaters einem Nachfolger übergeben. Das erlaubte ihm im Salzkammergut in Ruhe weitere Stücke und Feuilletons zu verfassen. Er starb am 24. April 1917 in Berlin.
Als Ralph Benatzky (1887-1957) 1930 das "Weiße Rössl" vertonte, verlegte er die Handlung nach St. Wolfgang am romantischen Wolfgangsee.

Das Modell
Siegmund war fasziniert von diesem Holzhaus mit Namen "Villa Blumenthal", beschloss es als Kartonmodell nachzubilden. An Unterlagen besaß er neben dem bereits erwähnten Artikel einen zweiten aus einer anderen Zeitschrift mit dem identischen Text aber teilweise anderen Abbildungen. Darunter war auch der Baugenehmigungsplan mit drei Grundrissen, zwei Fassaden und einem Querschnitt. Mehr stand ihm nicht zur Verfügung.
Anhand dieser Unterlagen entschied sich Siegmund für ein Modell im Maßstab 1:87. Nun zeichnete er den Grundriss und die vier Fassaden mit Hilfe einer Zeichenmaschine mit Bleistift auf Transparentpapier. Die Villa ist als Blockhaus konstruiert, was eine klare Raumstruktur bedingt, und wiederum dem Konstrukteur entgegen kommt. Der erste Baukörper ist eine rechteckige Hülse, alle anderen sind U- oder L-förmig daran angebaut. Die einzelnen Teile sind so gestaltet, dass kleinere Ungenauigkeiten des späteren Modellbauers sich nicht ungünstig auf das Gesamtmodell auswirken. Außerdem sind alle Kleblaschen, die beim Zusammenkleben angedrückt werden müssen, zugänglich. Die Bauteile sind so konzipiert, dass nur wenige gut zugängliche Klebestellen zur Verbindung notwendig sind.

 


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